Birte Steinkamp Knigge Trainerin Knigge in Zeiten der Corona Krise
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Mit Abstand am besten – Knigge in Zeiten der Corona Krise

„Eigentlich hat sich nicht viel verändert“, befindet Birte Steinkamp, Knigge Trainerin und Vorstandsmitglied der deutschen Knigge Gesellschaft, „ zumindest, was den wertschätzenden Umgang miteinander angeht.“ Bereits lange vor der aktuellen Corona Krise war, laut Freiherr von Knigge, die Empfehlung für ein angenehmes Miteinander, den gebührenden Abstand beizubehalten. Auch das Niesen in die Armbeuge oder sich in der Öffentlichkeit nicht in das Gesicht zu fassen, geschieht in dem Bewusstsein, den anderen nicht zu bedrängen oder gar zu brüskieren. Hochaktuell schätzt Birte Steinkamp die Thematik „Knigge in Zeiten der Corona Krise“ ein. 

Wir haben am 24. März 2020 mit Birte Steinkamp, der Fachfrau für Knigge Regeln ein Telefoninterview zum Thema Knigge in Zeiten der Corona Krise geführt.

Birte, Du bist Knigge Trainerin und im Vorstand der deutschen Knigge Gesellschaft. Der persönliche Kontakt ist in den Zeiten der Corona Krise bestimmten Regeln unterworfen. Wie sollen sich Menschen derzeit begegnen? Was sollten sie tun? 

Erstaunlicher Weise haben viele Menschen erst jetzt ein paar Regeln des aufrichtigen Miteinanders kennengelernt, die seit eh und je gelten: Da wäre zum einen, dass man in seine linke Armbeuge niest, anstatt zu Boden oder in die Hand. Auch, dass meine Hand nichts im eigenen Gesicht zu suchen hat, ist eine Empfehlung, die wir schon seit langem aussprechen. Also Kratzen, sich durch das Haar wuscheln, die Nase scheuern, die Lippen berühren oder gar an den Nägeln kauen hat im Beisein anderer Menschen eine unhygienische Wirkung – und Hygiene ist im Moment ja besonders wichtig.

Aktuell sind wir angehalten auf Abstand zu gehen. Welche Handlungsempfehlung gibt Freiherr von Knigge in Bezug auf körperliche Distanz?

Wir lernen gerade Abstand zu halten. Es gibt verschiedene Distanzzonen. Die intime Distanzzone befindet sich in einem Umkreis von 30 – max. 50 cm um uns herum, je nachdem, wie es der Einzelne als angenehm empfindet.  Hier hat auch ohne Corona niemand etwas zu suchen, außer unseren liebsten und nahestehendsten Menschen. Darauf folgt die persönliche Distanz bis etwa 1,20 / 1,50 Meter, die wir zu anderen Menschen in der Öffentlichkeit immer einhalten sollten. Derzeit ist das, dass absolute Minimum der Schutzzone.

Trotzdem haben scheinbar viele Menschen nicht das Bedürfnis, Abstand zu halten. Warum ist das so schwierig umzusetzen?

Die meisten Menschen nehmen gar nicht wahr, wenn sie in diese persönliche Zone eines anderen eindringen. Sie nehmen es aber sehr wohl wahr, wenn Ihnen andere Menschen so nah auf die Pelle rücken und empfinden es meist als unangenehm. Auch, wenn sich der Grund bei Corona mehr um den Selbstschutz dreht, als darum, dass ich anderen ihren Raum lasse, bekommen wir gerade ein besseres Gespür dafür, was angenehm ist.

Zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt?

Vor ein paar Tagen noch hatten wir meist nicht einmal Zeit, unser Kleingeld zu verstauen, bevor uns der nächste Kunde in der Schlange den Einkaufswagen in die Hacken fuhr. Ich wünsche mir, dass wir auch nach Corona diese Achtsamkeit beibehalten.

Gibt es denn bei all diesen Reglements noch einen positiven Aspekt des sogenannten „Social Distancing“?

Neben diesen beiden strengen Einschränkungen lehrt uns der Virus auch, dass wir auf Arten freundlich sein können, die wir sonst in unserem hektischen Alltag vergessen. Trotz des räumlichen Abstandhaltens treten wir ja in Beziehung zu anderen Menschen. Wenn wir nun über 2 Meter Abstand überbrücken müssen, dann hilft uns vor allem ein Lächeln. Kein nebensächliches Lächeln, sondern ein aufrichtiges Lächeln. Das muss im Moment vielleicht auch 5 statt 1 Sekunde halten, damit es beim Gegenüber ankommt. Und das funktioniert nur, wenn ich auch hinsehe: Endlich spüren die Menschen also die Bedeutung von Blickkontakt. Der schafft Nähe. Beides im Einklang sorgt für Sympathie, für Positives, für ein Glücksgefühl auf beiden Seiten.

Welche Auswirkungen hat die Einschränkung des Zwischenmenschlichen bzw. die Verlagerung in die digitale Welt auf unsere Gemeinschaft? 

Das liegt ja an uns selbst. Die Frage ist nicht, „Macht diese zeitweise Isolation etwas Schlimmes mit uns“, sondern „Wie gehe ICH damit um!“. Kontaktsperre oder -einschränkung bedeutet, und Du sagst es ja, aufgrund der vielen digitalen Möglichkeiten, die wir heute haben nicht, keinen Kontakt zu haben. Wir haben eben anderen Kontakt: Telefonieren, Textnachrichten, Skypen, vielleicht ja sogar Briefeschreiben in der dazu gewonnenen Zeit. Eine Auswirkung dessen wird ganz klar sein, dass wir ein fast vergessenes Gefühl wieder erleben, weil es das digital einfach nicht gibt: wie es sich anfühlt, jemanden wirklich zu vermissen. Also Nähe, eine Umarmung, den anderen riechen und die Wärme spüren.

Denkst Du, dass sich unser Umgang mit dem persönlichen Kontakt nach der Krise verändern wird?

Die Bedeutung von Kontakt wird sich ändern, weil wir begreifen werden, dass ein digitaler Kontakt zwar auch irgendwie Kontakt bedeutet, dass er aber den sozialen Kontakt, den zum Anfassen, nicht ersetzen kann. Vielleicht – und das ist so eine kleine Hoffnung von mir persönlich – vielleicht schaffen wir es ja, dass Menschen, die im Café sitzen, nach Corona wirklich miteinander sprechen und sich nicht um ihre Handys kümmern. Weil sie dann den Moment der Live-Situation dem digitalen vorziehen und ihn wirklich genießen.

Was können wir tun, um nicht zu vereinsamen, bzw. Menschen unterstützen, die vorher schon wenig Außenkontakte hatten? 

Wir müssen uns selbst überlisten und dürfen uns nicht nur der Traurigkeit der Ist-Situation hingeben und jammern. Wir müssen miteinander sprechen. Innerhalb der Familie, mit Freunden, aber auch mit Kollegen, von denen wir plötzlich lange getrennt sind. Telefonieren, schreiben, skypen. Als Nachbarn mal wieder am Fenster stehen und schnacken. Dabei ist ebenso wichtig, auch mal über die Ängste und Sorgen zu sprechen, genauso wie über Erfreuliches.

Was kann jede/r Einzelne von uns tun, welchen Beitrag können wir leisten, um gut mit Knigge in Zeiten der Corona Krise zurecht zu kommen?

Im Laufe der Evolution war der Mensch als Rudeltier im stärker als alleine und das brauchen wir auch jetzt. Wir brauchen Gemeinsamkeiten und sollten diese bewusst suchen und stärken. Jetzt ist auch die Hürde, dem einsamen Nachbarn seine Hilfe anzubieten, gerade nicht so groß. Die Krise bringt also vielleicht sogar mehr Menschen zusammen, die sonst nur aneinander vorbei gelaufen sind. Die sich nicht wahrgenommen haben. Wir sollten alle mehr nach rechts und links schauen und überlegen „Was braucht der andere jetzt wohl?“ Wir wissen ja mittlerweile auch längst – wissenschaftlich bewiesen – dass Geben und Helfen nachweislich selbst glücklich macht. Also nutzen wir doch die Krise als Chance, selbst ein besserer Mensch zu werden. Übungsplattformen sind genug da. 

Wird die Krise nach Deiner Einschätzung nachhaltige Auswirkungen auf unser Begrüßungsverhalten haben? Werden wir nach der Corona Krise keine Hände mehr schütteln? 

Ich hoffe zwar, dass die Krise Auswirkungen auf unser Verhalten, das wir zu Beginn besprochen haben, also Niesen, Kratzen, Abstandhalten, Lächeln usw., haben wird, ich hoffe aber gleichzeitig, dass wir gegenseitige Berührungen nicht per se als etwas Schlechtes wahrnehmen. Sich zu begrüßen hat schließlich eine lange Geschichte: Es steht für Frieden (ich bin unbewaffnet), für Freundschaft anstatt für Feindschaft, für Nähe statt Distanz, für Freude, für Aufrichtigkeit – also nur für Positives. Unser Hygieneverhalten sollte sich ändern, wir sollten aber nicht die Bedeutung einer aufrichtigen Begrüßung in Frage stellen. Zumal eine Umarmung oder die Akkolade, also der Wangenkuss, um einiges enger und intimer sind, als das Händeschütteln – und das wird nicht plötzlich aus unserem sozialen Miteinander verschwinden. Meine Hoffnung und Einschätzung ist, dass sich die Menschen eher freuen, wenn sie sich wieder unbedarft berühren dürfen.

Was würde uns Freiherr von Knigge mit auf den Weg geben, wenn er diese Corona Krise miterlebt hätte? 

Fühle, denke, dulde, schweige, lächle.

Das ist ein Zitat von Knigge und ich finde, es passt wunderbar in diese Zeit. Wir sollten alle ein wenig bewusster, achtsamer, wertschätzender sein. Dinge hinnehmen, die wir nicht ändern können und vor allem die Panik nicht füttern, indem wir gutgläubig Fake News weiterleiten oder Hamsterkäufe tätigen.

Bei allem, was wir tun, immer ein Fünkchen mehr an andere denken, als an uns selbst. Damit wäre die Welt schon einen großen Schritt weiter und die Krise viel kleiner.

Kontakt:

Birte Steinkamp
DIE KNIGGETRAINERIN
Trainerin für Business-Etikette (IHK zert.)
Vorstandsmitglied Deutsche-Knigge-Gesellschaft e.V.

Waldweg 16
32278 Kirchlengern

Fon | (05223) 6513555
Fax | (05223) 6532166

www.die-kniggetrainerin.de

Das Interview mit Knigge Trainerin Birte Steinkamp führte Michaela Heinze.

Foto: Tanja Meuthen-Coppertino